Heuristische Evaluation

Das wohl bekannteste analytische Evaluationsverfahren ist die so genannte Heuristische Evaluation, mit dessen Hilfe Usability-Probleme sehr gut identifiziert werden können. Für die erfolgreiche Anwendung dieses nicht formalen Verfahrens ist vor allem die Vorbildung der Evaluatoren von entscheidender Bedeutung [Burmester 2003].

 

Im Rahmen einer Heuristischen Evaluation überprüft eine Reihe von Experten, inwiefern das User Interface eines Produktes mit bestimmten anerkannten Prinzipien des Usability-Engineerings übereinstimmt. Diese Prinzipien werden als Heuristiken bezeichnet, wobei es sich um Richtlinien für die benutzerfreundliche Gestaltung von Benutzungsschnittstellen handelt, die auf Basis empirischer Erkenntnisse von Experten entwickelt wurden [Schweibenz & Thissen 2003].

 

Üblicherweise findet eine solche Evaluation in zwei Durchgängen statt. Dabei verschaffen sich die Evaluatoren in einem ersten Durchgang zunächst einen Überblick über das zu untersuchende Produkt, während im zweiten Durchgang dann der Fokus auf spezielle Interaktionselemente gelegt wird. Dabei werden in beiden Fällen die Eigenschaften des Produktes mit den zur Untersuchung herangezogenen Heuristiken verglichen und Verstöße gegen diese Prinzipien protokolliert. Zu beachten ist, dass dabei zunächst jeder Evaluator das Produkt selbstständig untersucht. Erst im Anschluss werden die Ergebnisse der Bewertung im Team konsolidiert [Heuer 2003].

 

Als Grundlage für eine Heuristische Evaluation können gemäss Nielsen alle möglichen Prinzipien und Richtlinien der Human-Computer-Interaction herangezogen werden. Nach Nielsen eignen sich insbesondere die folgenden Heuristiken um Produkte zu evaluieren [Nielsen 1997]:

  1. Sichtbarkeit des Systemstatus
  2. Weitgehende Übereinstimmung zwischen System und der realen Welt (z.B. Begriffe in der natürlichen Reihenfolge etc.)
  3. Benutzerkontrolle und –Freiheit (z.B. müssen Benutzer nicht gewünschte Situationen verlassen oder rückgängig machen können) 
  4. Konsistenz und Standards (etablierte Standards und Konventionen sollten eingehalten werden)
  5. Fehlervermeidung (besser als gute Fehlermeldungen ist ein sorgfältiges Design, das dazu beiträgt, Fehler zu vermeiden)
  6. Widererkennung statt Erinnerung (Objekte sollten sichtbar sein, damit sie nicht aus dem Gedächtnis rekonstruiert werden müssen)
  7. Flexibilität und Effizienz (Nutzern müssen Möglichkeiten zur effizienten Nutzung geboten werden, wie z.B. der Einsatz von „Shortcuts“)
  8. Ästhetik und Minimales Design (Dialoge sollten keine irrelevanten Informationen enthalten)
  9. Hilfe beim Erkennen, Diagnostizieren und Bewältigen von Fehlern (Fehlermeldungen sollten präzise und in natürliche Sprache erfolgen)
  10. Hilfe und Dokumentation (jede Information der Hilfe oder Dokumentation sollte einfach zu finden sein)

Ein großer Vorteil der heuristischen Evaluation ist ihre Einfachheit und ihre schnelle Durchführbarkeit. Bereits mit einer geringen Anzahl von Experten kann innerhalb kurzer Zeit ein Grossteil der Usability-Probleme eines Produktes ermittelt werden. Deshalb ist eine Heuristische Evaluation vor allem während früher Stadien der Produktentwicklung (z.B. zur Bewertung von Design-Vorschlägen oder Papier-Prototypen) zu empfehlen [Heuer 2003].

 

Verwendete Literatur

  • Burmester, M. (2003). Ist das wirklich gut? Bedeutung der Evaluation für die benutzerzentrierte Gestaltung. In Machate, J. und Burmester, M. (Hrsg.), User Interface Tuning – Benutzungsschnitt-stellen menschlich gestalten, S. 97-119. Frankfurt: Software und Support Verlag.
  • Heuer, J. (2003). Expertenevaluation. In: Heinsen, S. und Vogt, P. (Hrsg.). Usability praktisch um-setzen, S. 116-135. München: Hanser.
  • Nielsen, J. (1997). Heuristic Evaluation. In: Nielsen, J. und Mack, R. (Hrsg.). Usability Inspection Methods, S. 25-62. New York: Wiley & Sons.
  • Schweibenz, W. und Thissen, F. (2003). Qualität im Web – Benutzerfreundliche Webseiten durch Usability Evaluation. Berlin: Springer.